Hier ein letzter Post mit Texten aus dem Schreibpädagogik-Kurs.
Form zeichnen und füllen (Blume):
Ein Text ist wie eine Blume. Er beginnt mit einem Ideensamen, der auf fruchtbare Erde fällt. Im Dunkeln wartet er und brütet über die Idee in sich und wartet auf ein wenig Sonnenschein und Regen. Dann geht alles ganz schnell. Das Grün bricht aus der Erde, die ersten Sätze schreiben sich wie von selbst, die Keimblätter recken sich in den Himmel. Der Stiel streckt sich zum Licht empor. Man schreibt und schreibt und der Text wird länger und Wörter füllen die Seiten, doch irgendetwas ist noch nicht fertig und etwas fehlt und man weiß noch nicht, was. Unfertig schaut der Autor aufs Blatt und starrt auf die Knospe der Blume und weiß noch nicht, wie er enden soll. Noch ein wenig Geduld, ein Spaziergang an frischer Luft und die Blüte entfaltet sich. Sie verströmt ihren Duft und lockt Hummen und Schmetterlinge an. Der Autor tritt einen Schritt zurück und betrachtet die Blume zufrieden. Der Text ist fertig.
Text zu einem Sprichwort schreiben:
„Und man kann alles fragen?“ Zweifelnd blickte der Prinz auf die dunklen Stämme der Bäume. Zwischen ihnen war nichts zu erkennen. Der Bär an seiner Seite nickte.
„Es ist ein Zauberwald. Er weiß alle Antworten.“
„Nun gut“, sagte der Prinz. „Dann will ich es versuchen.“
Er wusste, dass Zauber und Magie trickreich waren und einem, wenn man nicht vorsichtig war, einen Fluch auf den Hals jagen konnten. Deshalb nahm er sich seine Zeit, seine Worte weise zu wählen. Als er seine Frage formuliert hatte, zögerte er dennoch. Er kam sich albern vor, mit einem Haufen Bäume zu sprechen. Er wandte sich an den Bären.
„Kannst du es mir vormachen?“
Der Bär grummelte in sich hinein, aber dann stellte er sich auf seine Hintertatzen, legte die Pranken wie einen Trichter vor seine Schnauze und rief:
„Lieber Wald, dürfen wir dir bitte eine Frage stellen?“
Die gewaltige Stimme des Bären hallte zwischen den Bäumen wider, bis das Dunkel sie schließlich verschlang. Der Prinz wollte sich gerade über den Bären lustig machen, da vernahm er eine Antwort. Wie hunderte Stimmen und keine zugleich flüsterte der Wald zu ihnen.
„Ja, lieber Bär, sehr gerne.“
Davon ermutigt tat der Prinz es dem Bären gleich. Er legte seine Hände als Trichter vor den Mund, trat einen Schritt vor und – – – stolperte über eine Wurzel.
„Scheiße! Blöder Baum, warum musst du da auch rumstehen?!?“, fluchte der Prinz und rappelte sich aus dem Moos und Matsch auf. Bevor er sich besinnen und seine eigentliche Frage stellen konnte, kam bereits eine Antwort.
„Dummer Prinz, der Baum kann dir nicht ausweichen, aber mach nächstes Mal deine verdammten Augen auf, verflixt nochmal!“
(c) A. M. Amberg 2024
