Was ist queere Fantasy?

Beim Vorstellen meiner kreativen Arbeit habe ich festgestellt, dass ich keine feste Definition für das parat hatte, was ich mir auf mein Banner geschrieben habe. Was ist genau ist denn queere Fantasy?

Wenn man den Begriff googelt, stößt man erstmal auf viele Listen mit Leseempfehlungen und – meiner Meinung nach auffallend – noch keinen Wikipediaeintrag und kaum einen anderen Artikel, der das Genre beschreibt. Es ist also schneller in die Buchläden und unsere Bücherwurmfinger gekommen als wir eine Definitionsgrenze abstecken konnten. Und das ist auch gut so, denn queer und Schubladen, das passt nicht zueinander.

Kurz gesagt: Queere Fantasy (oder Queer Fantasy oder auch LGBTQIA+ Fantasy) wird Fantasyliteratur genannt, in der queere Themen und/oder Charaktere vorkommen. Damit ist mehr gemeint als das Auftreten eines einzelnen z.B. homosexuellen Nebencharakters. Romance wird ja auch nicht plötzlich queer, nur weil die Protagonistin einen schwulen besten Freund hat und wir dann trotzdem nur Hetero-Romance und Spice bekommen.

Um die unterschiedlich inklusiven Abkürzungen rund um LGBTQIA+ zu vermeiden, bezeichne ich hier als queer alles, was von Heteronormativität abweicht, ob Charaktere oder Narrative. Als queere Person kannte ich das Bedürfnis nach Repräsentation, ohne dass Trauma, Drama und Coming-Out im Fokus einer Geschichte stehen, bereits bevor ich versucht habe, meine eigene Orientierung in Worte zu fassen. Ich wollte queere Figuren sehen, aber ihre Geschichten, die gerade in Jugendbüchern oft „alltägliche“ Teeniestories um erste Liebe und meistens auch Mobbingerfahrungen sind, fand ich uninteressant. Das hat immerhin bereits begonnen, sich zu ändern. Auch die Fantasy, die immer mehr aus ihren von Epen, Märchen und vor allem von Herr der Ringe ausgetretenen Bahnen abweicht, erfüllt diesen Wunsch.

Warum passen queer und Fantasy so gut zu einander? Neben dem der Fantasy immer schon zugeschriebenen Eskapismus (d.h. „Wirklichkeitsflucht“ z.B. durch Medien, die fern vom eigenen Alltag und Problemen sind; Bücher, in die man sich hineinflüchten will), bietet Fantasy noch andere Aspekte, die sie für queere Lesende attraktiv macht. Fantasy schafft eigene Welten, die ohne Vorannahmen und kulturelle, bzw. gesellschaftliche Wertungen unserer Gegenwart und Vergangenheit auskommen. Nichts hindert einen Schreibenden daran, gleichgeschlechtliche Liebe zur Normalität in einer erfundenen Gesellschaft zu machen oder zu etablieren, dass die auserwählte „saviour“ Figur in dieser Welt nur eine Transperson sein kann. (Warum so viel Fantasy immer auf das europäische, christlich geprägte Mittelalter zurückgreift, ist ein anderes Thema…) In der Fantasy ist so viel Raum für die Aufhebung von Rollen und Begriffen, die in einer anderen Welt vielleicht nie entstanden wären. Gleiches gilt übrigens auch für Sci-Fi, aber darüber darf gerne jemand anderes sprechen 😉

Abgesehen vom Einsatz von queeren Charakteren, kann queere Fantasy auch auf einer metaphorischen Ebene geschehen und durch bestimmte Narrative oder Codes queere Leser ansprechen. Man denke an, die Merlin – Die neuen Abenteuer -Serie, die von 2008 bis 2012 von BBC produziert wurde, in der seine zu versteckende und strafbare Magie zur Metapher für Homosexualität wird. Ein ähnliches Gefühl von Verständnis und „Ankommen“ in einer fantastischen Welt erfüllt die Harry-Potter-Serie von einer Autorin, deren Name nicht genannt werden darf. Der junge Zauberer Harry findet sich plötzlich in einer Welt, in der er magische Gaben hat, akzeptiert, beliebt und reich ist und aus dem Staunen erstmal nicht herauskommt und Freunde fürs Leben findet. Damit erfüllen sich im ersten Band natürlich die Sehnsüchte eines ungeliebten und misshandelten Kindes, aber zugleich oder umso mehr auch der queeren Erfahrung (z.B. beim ersten Eintauchen in die Community). Wer hat sich noch nie eine Welt gewünscht, in der unsere Queerness uns mächtig macht oder Zugang zu geheimen Wissen und Welten gewährt, die anderen verborgen bleiben? Oft geschieht dies auch über Tropes, zum Beispiel Found Family (z.B. The Witcher oder Once upon a time (vor allem Fanfiction)) und Gestaltwandler (Nimona), die „body dysmorphia“ ein Ding der Vergangenheit machen.

Ich werde mich in nächste Zeit noch anderen Themen widmen, zum Beispiel: meinen Empfehlungen zum Schreiben und meinen Lesetipps zu queerer Fantasy, meine eigenen Queerfantasy-Bücher (und Texte) und bestimmt noch vielem mehr…

Zum Abschluss noch ein Disclaimer: Was ich hier zusammengefasst habe, ist meine Meinung und mein Selbstverständnis als Autorin, keine wissenschaftliche Abhandlung. Ich bin gespannt, wie andere Lesende und Schreibende den Begriff verstehen, nutzen und bewerten.

Ich freue mich auf eure Kommentare, Meinungen und Empfehlungen rund um Queer Fantasy! Bis bald!

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