Mein Jahr ohne Schreiben – und wie ich wieder anfing

Ich war schon immer eine Vielschreiberin: Mein erster, nie beendeter Roman hatte 300 Seiten, bevor ich aufgeben habe, mein Deutsch-Abi hatte 24 Seiten, im Laufe meines Studiums habe ich acht Romanmanuskripte verfasst. Selbst während des Corona-Lockdowns habe ich in wenigen Wochen den ersten Band vom Tintenmeer geschrieben. Und dann… habe ich einfach aufgehört.

Lange habe ich mir eingeredet, keine Schreibblockade zu haben. Anderes war einfach wichtiger in dieser Zeit: der Start auf dem Arbeitsmarkt, Freunde treffen, neue Routinen aufbauen, den Pendelweg mit Lesen verbringen und, und, und… Abends war ich dann, trotz Teilzeitjob, einfach zu müde, um wieder in diese volle Konzentration zu finden, die ich meiner Meinung nach zum Schreiben brauchte. Schließlich hatte ich ja einige Erfahrung damit und ich wollte es gut machen, denn ich hatte ja schon einiges positives Feedback für meine Texte bekommen. Alles, was ich schrieb, musste mindestens genauso gut sein. Am Ende hat das aber nur dazugeführt, dass ich kaum mehr ein Wort zu Papier brachte.

Schreiben hatte begonnen, sich nur wie eine weitere Aufgabe anzufühlen, eine weitere Pflicht auf einer langen To-Do-Liste, die mir ein schlechtes Gewissen bereitete, da ich nie Zeit hatte ihr nachzukommen. Mein „Autorin-Sein“ saß mir im Nacken wie ein nerviges, quengelndes Bündel, das jedes Mal, wenn ich es beiseite stieß lauter zurückkam. Es mahnte mich, zu schreiben, aber bloß gut genug, hörst du? Und fange ja nichts Neues an, bevor du nicht mit einer Sache fertig bist!

In dieser Zwickmühle war nicht nur das „Wie“, sondern auch das „Was“ meiner Worte gefangen. Immer mehr stauten sich diese Gedanken an und so länger ich es nicht tat, desto lauter wurden sie und hielten mich umso mehr davon ab. Ein ganz großes „Ich-kann-nicht“ hatte allen Raum und die Zeit, die sonst meinem Hobby gegolten hatten, eingenommen und eine große leere Höhle zurückgelassen, wo sich vorher Worte, Charaktere und ausgedachte Orte getummelt hatten.

Natürlich ist der kreative Mensch niemand, der sich plötzlich im Vakuum des Nichtstuns wohlfühlen würde. Mit einer Fülle von Ersatzhandlungen (Netflix, Nähen lernen, Basteln etc.) habe ich meine Tage und die Zeit, die ich früher zum Schreiben hatte, gefüllt. Ich habe auch nicht-kreative Hobbys wie das Langschwert-Fechten begonnen und – wie ich finde – meine sich in alle Winde und erste Ehen verstreuenden Freundeskreis nah bei mir behalten.

Dann kam Ende 2022 der große Crash: Mein Privatleben, meine Arbeit, meine Zukunftsperspektiven, alles, was ich tat, fühlte sich falsch an, wie ein Schritt in die entgegengesetzte Richtung von dem, was ich eigentlich im Leben wollte, an. Was war daraus geworden, dass ich meinen Teilzeitjob immer wieder damit gerechtfertigt hatte, mich aufs Schreiben konzentrieren zu wollen? Was mit den zwei Romananfängen und der einen Überarbeitung, die noch in der Manuskriptbox unter meinem Bett lagen? Was war aus mir geworden?

Ich wusste lange, unglückliche Monate, dass ich etwas ändern musste. Leider war ich irgendwo zwischen Burn-Out und Depression gefangen und wer jemals damit in Berührung gekommen ist, weiß vielleicht, was die eigenen Gedanken einem für eine radikale Veränderung einflüstern wollen. Kurzum, meine psychische Gesundheit war am Ende und Schreiben längst nicht mehr eines meiner Probleme.

Ich musste schließlich die Pause nehmen, die meine Seele brauchte. Allein schon um zu lernen, dass das eben geht: das Leben auf Pause schalten. Und dadurch passierte ganz viel in kurzer Zeit. Ich lernte meine Frau kennen, ich nahm Änderungen im Job vor, ich kümmerte mich mehr um mich selbst. Es ist immer ein langer Prozess, Selbstfürsorge zu lernen und auch umzusetzen, ein Prozess, der von kleinen Rückschritten, die sich manchmal vernichtend anfühlen, begleitet wird. Das Schreiben kam genauso wenig schlagartig zurück wie die seelische Gesundheit. Aber aus dem Prozess dieses Lernens heraus fand ich zurück zu meinem Schreiben. So viele Lernerfahrungen aus der Therapie ließen sich aufs Schreiben übertragen.

TIPP 1: Einer meiner liebsten Tipps ist der „Termin mit sich selbst“, den man sich in den Kalender schreibt und genauso ernst nimmt wie eine Verabredung mit Freunden. Was macht man dabei? Einfach mal sein oder sich ein Buch, ein Bastelprojekt, ein Game vornehmen. Man behandelt sich und den Termin genauso wie man einen guten Freund behandeln würde: nicht in letzter Minute absagen und währenddessen nicht am Handy hängen, nicht zwischendrin aufstehen und den Müll rausbringen. Nehmt euch und die eingeplante Zeit, genauso wichtig wie einen Arzttermin, setzt euch hin und schreibt.

TIPP 2: Ein anderer Tipp, der mir sehr geholfen hat, war, kleine Ziele zu setzen. Du musst nicht sofort wieder einen Roman schreiben. Setzt euch kurze, erreichbare Etappen auf dem Weg zurück ins Schreiben. Vielleicht einfach mal eine Seite Freewriting probieren, ein bisschen Dialog ohne großes Drumherum schreiben, der einem schon mal öfter durch den Kopf gegangen ist, schreibt die Kusszene, zu der ihr in eurem letzten abgebrochenen Projekt nicht gekommen seid. Schreibt etwas Altes mit Hand ab, aber schreibt! Lernt wieder, euch etwas vorzunehmen und Erfolg zu haben.

TIPP 3: Bei mir hat sich aus diesem nie endenden Zwang, Notizbücher zu füllen ein Freewriting-Versuch ergeben, in dem eine Metapher entstanden ist, die ihr jetzt im Quell der Weberin lesen könnt. Darin schüttete ich mein Herz aus: Kreativität, die in uns ist, geht nicht verloren. Sie ist bei uns, aber die Umstände können sie verändern, man muss nur herausfinden, wie sie wieder in unser Leben passt. Für mich hat das Schreiben diese Kurzgeschichte so viele getan: ich war auf Anhieb mit dem Text zufrieden, ich war mir klar geworden, was denn eigentlich mein Problem gewesen war und konnte mir selbst zusprechen und zugleich mitteilen, wie ich mich fühlte, nur weil ich einmal meinen Gedanken freien Lauf gelassen hatte, während ich einen Stift in der Hand hatte. Das war im Sommer 2023.

2024 folgte dann mein bisher „erfolgreichstes“ Jahr. Warum Anführungszeichen? Weil ich diesen Erfolg nicht in der Anzahl der Worte messe, die ich zu Papier gebracht habe, und weil ich keinen Vergleich habe. 2021 hatte ich das Ragnarök-Rätsel an ca. zwanzig Verlage geschickt, ohne Erfolg. Aber das war es soweit auch schon. 2024 traute ich mich und sendete bei 6 Ausschreibungen und Wettbewerben Texte ein. Vier wurden genommen. Ich hatte eine Auszeit vom Arbeitsleben von knapp zweieinhalb Monaten und veröffentlichte mein Selfpublishing-Buch. Woher also der Erfolg? Weil ich es überhaupt getan habe, unabhängig vom Ergebnis. Vielleicht hätte ich auch schon vor 5 Jahren eine Kurzgeschichte veröffentlichen können, vielleicht musste ich auch erst meine Erfahrungen bis hierher sammeln. Aber eines hat ganz entschieden dazu beigetragen: Ich nehme mein Schreiben und mein Bedürfnis danach ernst, entscheide mich, ihm Raum zu geben und mache mir einen Plan, was als Nächstes ansteht. Ich sage nicht nein zu meinen anderen Hobby, ich sage ja zum Schreiben, ja zu mir.

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