Wenn ich zum ersten Mal bei neuen Bekannten zuhause bin, schaue ich mir immer das Bücherregal an. Es gibt Bücher, die ich bei allen meiner Freund*innen und generell bei anderen Fantasy-Liebhaber*innen unserer Generation gefunden habe: Kindheitsbücher und „Einstiegsdrogen“ wie Tintenherz, Eragon und Harry Potter und dann die Bücher, die uns den nächsten Schritt in fremde Welten geführt haben, Herr der Ringe, Die 13 1/2 Leben des Käptn Blaubär und die Scheibenwelt-Romane. Es ist schön, sofort ein Gesprächsthema zu haben, sich verbunden zu fühlen und sich auf diese Weise besser kennenzulernen.
Aber die meisten haben auch Bücher im Regal, von denen ich noch nie gehört habe. Bücher, die für sie schon immer da waren, die für sie selbstverständlich sind, Bücher, die in keiner Buchhandlung mehr stehen und vielleicht seit 20 Jahren nicht mehr aufgelegt wurden. Kurz: Bücher, die ich hier als „unbekanntere Fantasy“ bezeichne.
Einmal auf den Gedanken gekommen und von fremden Regalen inspiriert, habe ich versucht eben solche Empfehlungen zu finden. Viele davon z.B. auf Good Reads sind aber von einer hohen Aktualität und eben auch Popularität geprägt. Vielversprechender war ein Reddit-Thread zu ebendiesem Thema, von dem ich ein paar Büchern nachgegangen bin, nur um zu entdecken, dass manche dieser Bücher so gut wie nicht mehr zu haben sind.
Aber ist das nicht der Traum eines jeden Bücherwurms? Einen Glücksfund in einem Tauschbücherschrank oder Antiquariat zu machen, ein Buch, das niemand kennt und bei dem man vor Spoilern geschützt ist? Ein Buch, das sich wie ein selbstgefundener Schatz anfühlt, den man Stückchen fürs Stückchen ans Licht bringt, weil man nicht von modernem Cover und Marketing in eine gewisse Erwartungshaltung gedrängt wurde?
Bei ein paar Büchern hatte ich dieses Erlebnis und möchte es teilen. Die Bücher im ersten Teil der Liste (Empfehlungen) besitze und liebe ich und möchte sie jedem Fantasyliebhaber ans Herz legen, im zweiten Teil (Leseliste) findet ihr Bücher, die ich lesen will und entweder schon in meine Hände gefallen sind oder ich sie noch suche.
Unbekanntere Fantasy, meine Empfehlungen (hoffentlich bald noch eine längere Liste):
- Shardik – Richard Adams : Der Autor von Unten am Fluss (das mit den Kaninchen) hat auch ein Buch über einen Bären geschrieben – so habe ich mehrfach versucht dieses Buch zu erklären. Aber es ist so viel mehr als das. Es ist eine vollständige Fantasywelt (low/no magic), in der das Auftauchen eines einzelnen, wilden Bären von Menschen als Wiederkehr des Bärengottes Shardik gedeutet wird und seine unberechenbare Wildheit als der unergründliche göttliche Wille verstanden wird, was zu einem epischen Roman über Krieg, Religion, Politik und Gewalt führt. Das Buch war mein Bücherschrank Glücksfund 2023 und ich denke immer noch darüber nach.
- Gormenghast – Mervyn Peake : Obwohl die Gormenghast-Reihe in Großbritannien mit einem Fernsehmehrteiler und einer Oper (!) adaptiert wurde und dementsprechend einige Fans haben muss, habe ich noch nie jemanden in Deutschland darüber sprechen hören. Gormenghast ist ein Schloss, das in einem scheinbaren Nichts liegt, das Leben darin festgefahren in seinen Ritualen und Zeremonien, deren Sinn niemand mehr kennt, die Grafenfamilie distanziert und skurril wie Dickens’sche Figuren. Nach zwei genialen Bänden unter anderem um den Küchenjungen Steerpike, der an die Spitze dieser Gesellschaft aufsteigt, endet die Reihe mit einem dritten, nie vollendeten Band. Aber Band 1 und 2 haben mich zutiefst in meinem Fantasyverständnis geprägt (siehe meine Chroniken-Reihe) und sind einer der wenigen Vertreter des Subgenres Fantasy of Manners.
- Lady Trents Memoiren – Marie Brennan : Der erste Band dieser wunderbaren Reihe, Die Naturgeschichte der Drachen, lockt mit einer anatomischen Zeichnung eines Drachen. Die namensgebende Drachenforscherin reist in jedem Band ein anderes Land und entdeckt andere Drachenarten, es gibt einen großen Plot, der alle Bände zusammenhält und man liebt das Abenteuer im Stil eines Memoirs auf jeder Seite. Obwohl die Bücher noch sehr aktuell sind und leicht erhältlich, habe ich sie noch bei niemandem zuhause gesehen und brauche dringend jemanden, mit dem ich über meinen Hass auf den letzten Band und den enttäuschenden Ausgang der Reihe jammern kann.
Unbekanntere Fantasybücher auf meiner Leseliste:
- Es kamen drei Damen im Abendrot – Peter S. Beagle : Hier war es der Titel, der mir auf einem Werbeflyer, der als Lesezeichen in einem anderen Buch lag, entgegengeflattert ist und mich nicht mehr verlassen hat. Ich konnte es noch gut gebraucht finden, da der Autor des Letzten Einhorns nach dem Filmerfolg wohl noch mehrfach übersetzt und aufgelegt wurde.
- Maia – Richard Adams : Ja, noch mehr aus der Welt von Shardik und dem Beklanischen Reich. Im Deutschen in 4 Bände geteilt wird die Geschichte der jungen Maia, die sich unfreiwillig in den Betten und als Spionin der Mächtigsten wiederfindet. Ich habe gerade den ersten Band angefangen, und bin noch nicht so begeistert wie von Shardik. Wir werden sehen.
- Lady Cottingtons geheimes Elfentagebuch – Terry Jones : Ein absolut herrlich absurdes Konzept, das großformatige Buch ist wie ein Sammelalbum, in das mit Hand geschrieben wurde gestaltet. Was darin gesammelt wird? Wie von einem ehemaligen Monty Python zu erwarten wird es hier etwas makaber: gepresste Elfen. Ich habe früher zwar nicht die Buchreihe, aber das Begleitbuch zu den Spiderwick-Geheimnissen geliebt und erwarte mir hier eine etwas weniger jugendfreundliche Mischung aus Magie und schwarzem Humor.
Was sind die unbekannteren Fantasybücher in euren Regalen? Was sind eure Glücksfunde und Lieblingsbücher, die keiner kennt? Welches Fantasybuch müssen mehr Leute lesen? Ich bin gespannt auf eure Empfehlungen und Tipps!








